KONKURS - Staatlich erlaubter Betrug In Österreich ?

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al-king
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KONKURS - Staatlich erlaubter Betrug In Österreich ?

Beitrag von al-king » Mi Aug 31, 2016 11:38 am

So wie es geht bzw. funktionieren könnte . .

Die Tricks der einheimischen Pleite(n)macher . . .

Sie kennen sämtliche Schlupflöcher des Rechts, der Gerechtigkeit und der Gerichtsbarkeit.
Ihre Devise: Eine Insolvenz mag ein Fall für den Richter, aber keinesfalls für leere Brieftaschen sein. Wie sich gewiefte Schuldner elegant ihrer Gläubiger entledigen.

Beispiele gefällig ?

Der Plan war kreativ. Mit lediglich zwei kleinen Kniffen sollte er über die Bühne gehen. Rasch und sauber. Was für die Umgründung noch fehlte, war reine Formsache: der Beschluss der Hauptversammlung und die Eintragung im Firmenbuch.
Anfang März des Jahres XXXX melden die findigen Anwälte dann den Vollzug: Die Baumarktkette "Holz Steiner Teppichland und Fliesencity" heißt ab sofort "Einzelhandel Holz Steiner Teppichland und Fliesencity". Und weil die Anwälte gerade beim Anträge tippen waren, hat man auch den Firmensitz verlegt: Von satten 2736 Quadratmetern in Vösendorf auf mickrige 67 Quadratmeter in Wien - Penzing. Alles paletti, problemlos, so die Badener Juristen. Jetzt kann es ans Eingemachte gehen.
Vierzehn Tage später machen sich die Anwälte für Holz Steiner wieder auf den Weg. In der Aktentasche diesmal - in dreifacher Ausfertigung - ein Antrag auf Annahme eines Ausgleichs, der Insolvenzstatus und eine Gläubigerliste. Die Bilanz des Baumarkts ist Makulatur. Und ein Fall für die Statistik: Mit einer Schadenssumme von rund 62 Millionen Euro ist die Baumarktkette eine der größten Pleiten des Jahres.
Der Weg führt die gefinkelten Juristen in die Wiener Riemergasse. Handelsgericht, Abteilung 2, Zimmer 446, die Amtsstube einer der jüngsten Konkursrichterinnen Österreichs. Sie ist für Wiener Pleitiers mit den Anfangsbuchstaben B, C und E zuständig. Und in Insolvenzkreisen eher für ihre - während der freitäglichen Amtsstunden an der Volkshochschule Urania erteilten - Tschechischkurse als für straff geführte Verfahren bekannt. Nähme sie sich dem Verfahren an, wäre das von Vorteil, meinen die Anwälte - weshalb sie auch den Aufwand von Namensänderung und Verlegung des Geschäftssitzes betreiben. Denn schwache Richter lassen sich von renommierten Anwälten beeindrucken. Schwache Richter bestellen meist schwache Insolvenzverwalter. Schwache Richter prüfen auch oberflächlich und entscheiden im Zweifelsfalle schuldnerfreundlich. Einem für sie erfolgreichen Ausgleich sind die Anwälte damit schon ein gutes Stück näher gekommen.
Derart faule Tricks stehen in der Pleitenszene an der Tagesordnung. Was oft folgt: geprellte Gläubiger und sanierte Schuldner. Das geltende Insolvenzrecht hat Konkursbetrügern kaum etwas entgegenzusetzen. Die gängige Gerichtspraxis bietet österreichischen Pleitiers unzählige Schlupflöcher, um sich im Konkurs im wahrsten Sinne des Wortes zu sanieren. Zu allem Überfluss werden die Kridaparagrafen aufgeweicht. Z.B. wurde der Paragraf der fahrlässigen Krida ersatzlos gestrichen, somit gibt es nur noch die vorsätzlich begangene Straftat der betrügerischen Krida!

Die Zahl der Verurteilungen wegen Konkursvergehen tendiert daher auch gegen null, das Strafrecht verliert seinen Schrecken. Ein Sittenbild aus dem Gerichtssaal in vier Kapiteln.



STRATEGIE 1:
Namensänderung und Ortswechsel

Josef L. ist gut beraten. Der Burgenländer überlässt nichts dem Zufall. Als Inhaber der erst vor kurzem Pleite gegangenen L. Gas-, Wasser- und Heizungsinstallations- GesmbH hat er auch schon Konkursluft geschnuppert (Aktenzahl 11 S 277/99t). Nun will er seine persönlichen Schulden loswerden. Das Finanzamt, die Sozialversicherung, aber auch ein Versandhaus und ein erotischer Filmverleih wollen von L. endlich Geld. Insgesamt mehr als drei Millionen Schilling (rund 214.000 Euro). Unmöglich, die jemals zurückzuzahlen. Schließlich ist er jetzt nur mehr ein kleiner Angestellter. Mit einem Monatslohn von rund 12.000 Schilling netto (872 Euro), wie der Lohnzettel beweist. Sein Arbeitgeber ist - er selbst. Josef L. ist Geschäftsführer der L. Installations GesmbH, der Firma seiner Ehegattin, Natalija L.
Um jemanden zu finden, der L. die Geschichte von den 12.000 Schilling abnimmt, musste er schon weit fahren. Der Anwalt L.s (den konnte er sich mit seinem Einkommen dann doch leisten) fand letztendlich doch ein entsprechendes Gericht. So wurde der Konkurs über den Burgenländer am 17. Dezember am Bezirksgericht Ebreichsdorf, Niederösterreich, mit der Aktenzahl 4 S 20/99i eröffnet. Zu diesem Behufe musste man, so mutmaßen die Gläubiger, die Meldeadresse kurzfristig nach Pottendorf - Sprengel Ebreichsdorf - verlegen. Dort passierte dann, was, wie Geschädigte behaupten, anderswo unmöglich wäre: Josef L. entledigt sich mit einem Abzug von 2.400 Schilling (178 Euro) vom Monatslohn in den nächsten Jahren gemütlich seines Schuldenberges. Die 98 Schilling (7 Euro), die dem erotischen Filmverleih halbjährlich überwiesen werden, zeugen davon.
(L. ist übrigens mit seiner Strategie des Privatkonkurses nicht allein: Vergangenes Jahr haben rund 1300 Unternehmer - das sind rund 43 Prozent der Privatinsolvenzen - diesen Entschuldungsweg gewählt. Die Passive betrugen fast 510 Millionen Euro, das sind 7 Milliarden Schilling.)
Gerichtssprengeltourismus gehört zum Standardrepertoire von Insolvenzanwälten. Der Ermessensspielraum von Richtern und Masseverwaltern ermöglicht Konkursgewinnern auch mal die Entschuldung im Schonverfahren. Denn nahezu alle Entscheidungen im Konkurs, wie etwa die Beurteilung von Pfandrechten, von Eigentumsvorbehalten, die Verfolgung von Vermögensverschiebungen vor der Insolvenz und die Prüfung der angemeldeten Forderungen, sind interpretierbar. So gibt es Richter und sogar ganze Gerichte, die einen Ruf als gemütliche Gerichte für Schuldner haben, wie etwa bestimmte Richter am Handelsgericht Wien, am LG Graz oder etwa kleinere Bezirksgerichte am Land. Andere Kadis hingegen können den Schuldnern das Leben ganz schön schwer machen. Etwa das Landesgericht Korneuburg oder manche konkurserfahrene Bezirksgerichte in den Städten stehen am Ende der Beliebtheitsskala.




STRATEGIE 2:
Wiederbetätigung (nach dem ersten Konkurs)

Mitte August war es so weit. Fast hat es ausgesehen, als würde Y-Line-Boss Werner Böhm dieselbe Masche noch einmal stricken können: Eigene Aktien gegen Schuldenerlass. Verschachteln statt bezahlen. Aber es konnte nicht mehr gut gehen, die Fantasie war aus Y-Line entwichen - spurlos in den Cyberspace gesaugt. Das Unternehmen hat an der Brüsseler NASDAQ seit März neun Zehntel seines Wertes eingebüßt. Für IBM wurde es Zeit, ernst zu machen und die Globalzession - von Y-Line im Mai zur Bedeckung der Außenstände von 13,79 Millionen Euro ausgestellt - fällig zu stellen. Big Blue hat die Luftblase platzen lassen. Und Y-Line Gründer Böhm dorthin zurückgebracht, wo er sich im Herbst 1988 schon einmal eingefunden hatte. Vor dem Konkursrichter.
Freunde - viele hat er davon nicht mehr - beschreiben Böhm als absolut liebenswert, charismatisch und leicht zu begeistern. Weniger gut Gesinnte charakterisieren ihn als Blender, großmannsüchtig und hochnäsig. Das Charakterbild eines Serientäters? Am 27. Februar 1998 wurde Werner Böhm, damals 33, Geschäftsführer der Firma Datenverarbeitung Rechenzentrum Wiener Neustadt. Bereits am 10. September desselben Jahres war die Firma insolvent (Aktenzahl: 11 S 182/98w). Zu diesem Zeitpunkt waren gerade noch 190.000 Schilling an Aktiva im Unternehmen, die an die Gläubiger verteilt werden konnten.

Böhm gründet wieder. Seit 9. Jänner 2002 kann sich Werner Böhm wieder Jungunternehmer nennen. Die kürzlich mit der Firmenbuchnummer FN 216789h eingetragene "Financial Project Enforcement and Consulting GmbH" gehört jedoch selbstverständlich nicht Böhm selbst. Als Gesellschafter ist vielmehr sein Steuerberater Erwin Ungerböck eingetragen. Der ehemalige YLine-Geschäftsführer ist lediglich alleine vertretungsbefugter Geschäftsführer. Interessant in diesem Zusammenhang: Die Adresse des neu gegründeten Consultingunternehmens (1010 Wien, Opernring 1, Stiege E) ist ident mit jener der Powerteam Consulting (Firmenbuchnummer FN 145157t), deren Eigentümer und Geschäftsführer seit 1996 Werner Böhm ist. Auch der Unternehmensgegenstand soll ident sein. Ein Schelm, wer hier an geplante Vermögensverschiebungen denkt. Wirklich nachhaltig saniert sich nur, wer sich öfters entschuldet, könnte man zynisch meinen. Und: Unternehmerische Unfähigkeit ist kein Hindernis für unternehmerische Tätigkeit.

Geschäftsführer zu vermieten. "Der Zweck eines Konkursverfahrens", so Franz Mohr, Leiter der Abteilung Insolvenzrecht im Justizministerium und eigentlicher (Mit-)Autor der geltenden Gesetze, "ist es, das vorhandene Vermögen unter den vorhandenen Gläubigern zu verteilen." Es sei nicht Aufgabe des Insolvenzrechts, unfähige oder kriminelle Unternehmer für immer aus dem Verkehr zu ziehen. Das, meint Mohr, "ist Aufgabe des Strafrechts und der Gewerbebehörden". Doch die, scheint es, scheitern ebenfalls an dieser Aufgabe. So schätzen Insolvenzexperten, dass fast 10 Prozent aller Konkursanten Wiederholungstäter sind. Kein Wunder: Das Kridastrafrecht ist Makulatur. (Wie das geltende Strafrecht die Gläubiger auf die Eselsbank schickt, lesen Sie in der Titelstory II). Ein fehlender Gewerbeschein hindert niemanden am Unternehmersein. Ein gewerberechtlicher Geschäftsführer kann, so schätzt man am Magistrat Wien, zu Preisen zwischen 200 und 500 Euro monatlich "gemietet" werden.
Doch mieten wird man, geht´s nach dem Willen von Wirtschaftsminister Martin Bartenstein, in Zukunft den Gewerbeschein nicht mehr müssen. Die Mitte Januar eingebrachte Gesetzesvorlage sieht im Zuge der Entrümpelung der Gewerbeordnung den Wegfall des Befähigungsnachweises für die meisten Betriebe vor. Womit eine weitere Zugangsbarriere für notorische Pleitiers entfällt.

Vr wie Verbrechen. Der Strafakt 24b Vr 639/99 gehört zu den dickeren Exemplaren seiner Art. Der Strafakt 24b Vr 639/99 - "Vr" für "Verbrechen" - gehört auch zu den mysteriöseren Exemplaren seiner Art. Er hat es - wie Gläubiger versichern - trotz darin befindlicher Beweise bisher nicht zu einem Verfahrensakt gebracht. Die Gläubiger wissen, wovon sie sprechen, haben doch sie die meisten - wie sie glauben - stichhaltigen Beweise zur Untersuchung selbst gesammelt und an die Staatsanwaltschaft geschickt. Ein gewisser Karl Schwarz aus Wien soll, so behaupten die Geschädigten, ein lausiger Unternehmer und ein noch lausigerer Betrüger sein. Mehrmals war er im Konkurs. Aber erst vor drei Jahren lieferte er sein Meisterstück ab: die Insolvenz Pillerdruck (Aktenzahl: 6 S 755/98s).
Regelrecht in die Pleite gepeitscht haben soll Schwarz die gar nicht mal so kleine Druckerei im siebenten Wiener Bezirk: Einen großen Teil des millionenschweren Anlagevermögens habe er - äußerst preiswert - an die ebenfalls Karl Schwarz gehörende Schwarz GmbH verkauft. Zeitgleich soll er die Maschinen - äußerst hochpreisig - an Pillerdruck zurückverleast haben. Die restlichen Aktiva sollen - zu recht anständigen Preisen - an Dritte verkauft, der Kaufpreis jedoch an die Schwarz GmbH gegangen sein. Schlussendlich sollen sogar Unterlagen dafür existieren, dass Schwarz von Pillerdruck erbrachte Leistungen von seiner Schwarz GmbH in Rechnung gestellt habe. Alles sei mit Belegen nachvollziehbar. Kurzum: Die Pillerdruck wurde sukzessive ausgeräumt. Und ging am 6. Juni in den Ausgleich. Doch damit nicht genug.

Massediebstahl. Wirklich absurd wurde es in den Abendstunden des 18. September: An jenem Freitagabend erreichte den Kreditschutzverband ein Anruf eines Herrn H. Herr H., seines Zeichens Geschäftsführer des Druckmaschinenproduzenten H. & Co und Gläubiger im Konkurs Pillerdruck, berichtete Folgendes: Gerade wurde er vom Geschäftsführer seiner tschechischen Tochterfirma kontaktiert: Man sei im Begriff, eine gebrauchte Druckmaschine zu kaufen. Von einer Firma Karl Schwarz GesmbH in Wien. Eine absolute Okkasion, ein Spitzenpreis, da müsse man zuschlagen. Man habe jedoch gehört, die Firma sei irgendwie in eine Insolvenz involviert. Ob da alles o.k. sei? Eigentlich würde man die Maschine schon kommenden Montag abholen ...
Nur die Tatsache, dass sich in der Druckbranche offenbar alle kennen, verhinderte, dass die Offsetdruckmaschine - Wert damals rund 8 Millionen Schilling (rund 570.000 Euro) - während des Insolvenzverfahrens - ohne Wissen der Gläubiger und des Insolvenzverwalters - aus der Masse verkauft wurde. Hochdramatisch musste dann am darauf folgenden Montag gegen sieben Uhr Früh die Demontage des Gerätes verhindert werden.
Doch Schwarz hatte Glück: Der ermittelnde Staatsanwalt fand die Indizien offenbar nicht ausreichend. Und weil sich Schwarz freiwillig bereit erklärte, den Vertragsrücktritt gerichtlich zu protokollieren, ersparte er sich auch im Punkt "im Konkurs verkaufte Maschine" eine Anklage, wie der Masseverwalter in der Causa zu berichten weiß. Schließlich wurde der Betrug ja verhindert. Eine Verfahrenseröffnung würde, so heißt es, heute ohnehin nichts mehr bringen. Der Verdächtige ist im Ausland und ohne ladefähige Adresse. Und das Delikt verjährt Ende dieses Jahres ohnehin. Josef Schwarz ist ein Konkursgewinner.

STRATEGIE Drei:
Geheimtipp Kapitalabsturz

Beim zweiten Mal tut´s nicht mehr weh. Als aber 1997 die Gläubiger immer hörbarer an die Tür des Linzer Baumeisters K. klopften, war das noch anders. Bei seinem ersten Konkurs wollte der Mittvierziger noch den Eindruck erwecken, er sei ein grader Michl. Darum fügte er seinem Konkursantrag auch ein grünes Bücherl bei. Eines mit goldenem Giebelkreuz. Darauf: 50.000 Schilling (3.640 Euro). Gehört hat das Raiffeisensparbuch eigentlich seiner Mutter. Aber was tun Mütter nicht, um ihren Buben Zores zu ersparen. Trotzdem kam´s knüppeldick. Denn nach Verfahrenseröffnung verhängte der Masseverwalter Postsperre, ordnete Kontoöffnung und Belegprüfung an und schon wenig später diktierte er eine Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft Linz. Der Insolvenzverwalter war ihm nicht gut gesinnt, meint der Baumeister. Der Verwalter hat endlich einmal durchgegriffen, meinen die Gläubiger. Einige Wochen später dann eine Anklage: Fahrlässige Krida. Der Baumeister ist noch Verbindlichkeiten eingegangen, als ihm längst bewusst gewesen sein muss, dass er pleite ist. Das Urteil: Zwei Monate bedingt. Und seine Gewerbeberechtigung war er auch los.

G´lernt ist g´lernt. Vier Jahre später, im Jahr 2001, war der Baumeister (nunmehr eigentlich i. R.) schlauer. Als im Winter - wieder mal - nichts mehr geht, hinterlässt er die Firma leer, besenrein sozusagen. Nur die Schulden existieren noch. Immerhin rund zwei Millionen Euro (26 Millionen Schilling). Doch K. hatte Glück: Niemanden kratzte die neuerliche Insolvenz sonderlich. Keiner erlegte bei Gericht einen Kostenvorschuss. Weil´s auch bei Masseverwaltern und Gerichten ohne Geld keine Musi spielt, wurde der Konkurs über das Vermögen von K.s GesmbH mangels Masse erst gar nicht eröffnet. Und weil weder der Richter noch der Insolvenzverwalter wirklich nachgesehen haben, ist unser Baumeister wahrscheinlich um ein weiteres Kridaverfahren herumgekommen. Die Gewerbeberechtigung hat diesmal auch jemand anderer verloren. Und zwar der, der sie an K. für 450 Euro (6.000 Schilling) monatlich vermietet hat.
"Dass Konkursanträge ohne vorhandenes Vermögen abgewiesen werden, ist eines der größten Probleme im geltenden Insolvenzrecht", meint Franz Mohr, Insolvenzprofi im Justizministerium. Denn damit unterbleibt die Auseinandersetzung mit den Vorgängen vor der Insolvenz. Und die könnten gerade bei so kapitalen Pleiten ganz interessant sein. Von 5178 beantragten Verfahren wurden im vergangenen Jahr 2239, also 43 Prozent, mangels Masse erst gar nicht eröffnet, wie aus einer Statistik des KSV hervorgeht. Malversationen sind daher oft nicht beweisbar. Deshalb fordern Kreditschützer auch eine verpflichtende strafrechtliche Untersuchung abgewiesener Konkursanträge. "Erst die systematische Bearbeitung dieser Fälle durch den Staatsanwalt stellt sicher, dass Verurteilungen nicht, wie in der Vergangenheit, als zufällig empfunden werden", sagt Hans-Georg Kantner, Insolvenzexperte des KSV.
Das würde jedoch, geben die Experten im Ministerium zu bedenken, eine wahre Kostenlawine auslösen und die ohnehin chronisch überbelasteten Staatsanwaltschaften zusätzlich mit Arbeit eindecken. Kein Grund für Betrüger also, den Wegfall dieses Schlupfloches zu befürchten.

STRATEGIE Vier:
Die Auffanggesellschaft

In Wiener Insolvenzkreisen bekannt wie ein bunter Hund ist der Installateur Herbert Cerny. Installateur ist eigentlich eine Untertreibung. Cerny leitete zwei der größten Firmen der Branche. Mit der zweiten fing er die erste auf, sind sich die Gläubiger sicher. Als auch die Auffanggesellschaft pleite war, sattelte er um: Fortan sollte er als De-facto-Eigentümer des Wiener Luxus-Fitnesstempels Manhattan sein Leben fristen. Doch zum Anfang der Geschichte: 1992 geht Swatek & Cerny, rund 180 Mitarbeiter, ein Installationsunternehmen im Besitz von Herbert Cerny, Pleite (Aktenzahlen: 5 Sa 11/92 und 5 S 178/92). Nichts Außergewöhnliches.
Bis auf die Schadenssumme. Fast 44 Millionen Euro (600 Millionen Schilling) Schulden hinterlässt der Klempner. Kein Wunder, so die Geschädigten: Mit dem Privatjet habe er seine Key Accounts nach Florida eingeladen. In sein Domizil. Dafür habe er Großaufträge bekommen. Wenn im Sunshine State Winter war, war der Jet in der Gegenrichtung unterwegs: Proppenvoll mit Schönheiten aus den USA. Weshalb der Jet in Kreisen der Kunden Cernys auch Blondinenbomber hieß. Die Gläubiger finden Derartiges heute gar nicht mehr lustig.
Herbert Cerny wurde für steuerliche Vorgänge vor der Insolvenz strafrechtlich belangt. Wegen betrügerischer Krida wurde Cerny jedoch mangels Beweisen freigesprochen (24a VR 115/96).

Traude und Tanja fangen`s auf. Rund ein Monat vor Konkurseröffnung über Swatek & Cerny kauften Ehegattin Gertraude und Tochter Tanja die Firmenhülle der F. Bothe & Co GesmbH. Ein Schelm, wer Böses denkt. Tanja Cerny, damals 22 Jahre alt, wollte offenbar auch ausprobieren, wie sich denn das Managen so anfühlt, und wurde von der Generalversammlung zur Geschäftsführerin bestellt. Flugs hatte man wieder rund 160 Mitarbeiter. Der Papi tat rein gar nichts. Außer stolz zu sein - auf die Tochter natürlich. Ein wenig mitgearbeitet hat er schon, verdient hat er aber nicht viel, erzählten die Gläubiger. Nichts Pfändbares jedenfalls.
Doch so wirklich geglaubt haben die Kreditgeber Cerny nicht: Sie schickten dem gescheiterten Unternehmer den Exekutor hinterher. Systematisch. Sobald ruchbar wurde, dass Cerny wieder einmal Hof hielt, war der Gerichtsvollzieher schon auf dem Weg. Auch kein schönes Leben: Taschenpfändungen bei exklusiven Anlässen. Identitätsprüfungen beim Geschäftsessen (für die Tochter natürlich). Dabei könnten´s die Gläubiger ja mittlerweile besser wissen. Bargeld trägt Herr Cerny grundsätzlich nur unter der Geringfügigkeitsgrenze mit sich. Unpfändbar. Uhr - Fehlanzeige. Ring - keiner, außer den der Gattin. Und die Kreditkarte ist selbstverständlich von der Tochter. Wenn er auf Firmenkosten Business Class in die USA fliege, dann sei das seine Sache. Er reise nunmal nicht Economy Class, weil da sitzen seine Gläubiger. Cerny, so sind sich die in der Holzklasse Sitzenden sicher, soll über nicht unbeträchtliches Vermögen in den USA verfügen.

Alle meine Töchter. Die Firma Bothe ist dann übrigens auch Pleite gegangen (Aktenzahl 5 S 449/99s). Die Schadenssumme diesmal: 17 Millionen Euro (234 Millionen Schilling). Danach mussten die Cernys auf die Familienreserven zurückgreifen, um im Fitnessbereich voll durchzustarten: Die letzte noch nicht konkursverfangene zweite Tochter Melanie dient nun als Geschäftsführerin und Gesellschafterin des Wiener Fitnesstempels Manhattan.

Fritz hätt´s auch gern aufgefangen. Gerade noch verhindert werden konnte eine billige Auffanglösung im Konkurs Y-Line werden (Aktenzahl: 5 S 406/01t und andere). Als Retter der Gläubiger soll sich, wird kolportiert, der ehemalige Y-Line-Aufsichtsrat Friedrich Scheck ins Spiel gebracht haben. Eigentlich den einzigen wirklich werthaltigen Teil der Dotcom-Luftblase wollte Scheck übernehmen: i-online, ein Softwareunternehmen. Schließlich war der Gründervater bis zum Verkauf des Unternehmens an die Y-Line auch Hauptaktionär der i-online. In einer wahren Gewalttour habe sich der Insolvenzexperte Scheck (er ist an einer Unzahl von Wirtschafts- und Insolvenztreuhandfirmen beteiligt) noch im November bei Masseverwalter, Gläubigerbanken, Kreditschützern und Dienstnehmern als Idealbesetzung für den Part Auffänger angedient.
Scheck, der noch im Juni vergangenen Jahres mit Schaumschläger Böhm die marode Libro übernehmen und sanieren wollte, sagt heute jedem, der es hören will, er hätte die Repräsentanten der Y-Line "am liebsten gar nicht kennen gelernt". Das erste Anbot für die Softwarefirma lag dem Vernehmen nach bei damals zehn Millionen Schilling. Bekommen hat Scheck letztendlich einen Teilbereich der i-online. Um etwas mehr als 15 Millionen Schilling. Der Grund für das Scheitern der Auffanglösung: Einige Angestellte sollen rebelliert haben. Bei einer Übernahme Schecks wären sie ausgeschieden. Und das hätte den Wert des Unternehmens erheblich verringert.

Verpflichtendes Gläubiger-O.K. "Im Bereich der Auffanggesellschaften besteht Handlungsbedarf", räumt Insolvenzexperte Franz Mohr ein. "In den vergangenen Jahren sind einige Konkurse regelrecht "geplant" worden", gesteht der Spitzenbeamte im Justizministerium die Lücken des Gesetzes ein. Um sich zu entschulden, seien Unternehmen zuerst in Konkurs geschickt worden und dann recht flink zu Spottpreisen verscherbelt worden. Oft an Personen im Umfeld des ehemaligen Unternehmers selbst. Dem würde jedoch, so Mohr, mit der Novelle des Insolvenzrechtes Rechnung getragen. Mit der Novelle wird die verpflichtende Zustimmung der Gläubiger zu einem Verkauf von Firmenaktivas eingeführt. Wenn die Gläubiger dem Verkauf zustimmen und immer noch nicht auf ihre Rechnung kommen - selbst schuld, sozusagen.
Kritiker halten dem entgegen, dass der Gesetzesentwurf nichts am Grundsätzlichen ändert: Der geneigte Masseverwalter hat vor allem ein Problem: Er haftet für seine Entscheidungen persönlich und unbeschränkt. Wie ein Unternehmer. In der Insolvenz hat der Masseverwalter jedoch nicht viel Zeit: Jede Verzögerung lässt Kosten entstehen. Mietkosten etwa oder Zinsen. Letztendlich hat ein Masseverwalter meist keine Ahnung vom jeweiligen Grundgeschäft und er findet für die Aktiva, die er verkaufen soll, keinen Markt vor. Deshalb müsse er eher zu Liquidations- als zu Fortführungswerten verkaufen, wie Insolvenzexperten betonen.

Skeptische Praktiker. Praktiker bezweifeln daher auch, dass mit der geplanten Reform Umgehungsgeschäfte verhindert werden. KSV-Insolvenzchef Kantner würde am liebsten eine gesetzliche Verpflichtung zur Bewertung des Unternehmens zu Verkehrswerten anstatt zu Zerschlagungswerten sehen. Außerdem müssten - im normalen Wirtschaftsleben eine Selbstverständlichkeit - auch Kundenstock und Markenrechte in die Bewertung miteinbezogen werden. Dann hätten die Cernys und die Schecks dieses Landes keine Chance.
Keine Chance hatten übrigens auch die gefinkelten Anwälte der Baumarktkette Einzelhandel Holz Steiner. Auch wenn sie anfangs so sicher waren, mit ihrer selbstgewählten Konkursrichterin leichtes Spiel zu haben.
. . . denn die fasste die Wahl der kreativen Umgründer ganz und gar nicht als Kompliment auf. Die gefürchtete Konkursrichterin in Wiener Neustadt fühlte sich durch ihre Abwahl auch nicht gerade wie auf Rosen gebettet.

Und so kam, was kommen musste:

Bundesländerübergreifend - amtshelfend verständigten sich die beiden Damen. Die Wienerin diktiert einen Beschluss, der den Holzschreibtisch zum Nicht-Firmensitz erklärt und schiebt das Verfahren damit ab.

Eine der größten Insolvenzen des Jahres wird nur wenige Tage später in Wiener Neustadt eröffnet.
Mit einer peniblen Richterin, einem starken Masseverwalter, genauen Prüfungen und im Zweifel gläubigerfreundlichen Entscheidungen.
Der geplante Ausgleich ist gescheitert.
Heute ist die Firma liquidiert.

ANMERKUNG :
Einzelhandel Steiner war in diesem Fall kein Konkursgewinner !

Hishered
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Re: KONKURS - Staatlich erlaubter Betrug In Österreich ?

Beitrag von Hishered » Do Aug 23, 2018 3:13 pm

Haben Sie eine Lösung gefunden?

Miled1991
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Re: KONKURS - Staatlich erlaubter Betrug In Österreich ?

Beitrag von Miled1991 » So Sep 02, 2018 10:40 pm

Wir hatten das gleiche Problem.

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